E2, ein Design-Klassiker made in Karlsruhe | INTERVIEW mit Peter Wieland

Kaum ein Architekturbüro ist ohne ihn zu denken: Den E2-Tisch, klassisch-streng aus Seitenrahmen und der charakteristischen Kreuzverstrebung in der Mitte, mit einer nur aufgelegten Tischplatte. Konzipiert schon 1953 von Egon Eiermann und perfektioniert von Adam Wieland, dem damaligen Leiter der Metallbauwerkstatt der Karlsruher Architekturfakultät, ist das Tischgestell ein Kult-Design made in Karlsruhe – bis heute.

E2_adamwielandWie jedes Kultobjekt hat auch der E2 eine ganz eigene Entstehungsgeschichte. Und die geht so: „… für einen Assistenten von Egon Eiermann ist das größte Problem des Tisches dessen Transport. 1965 denkt dieser, infolge seines Umzugs nach Freiburg, über eine transportable Version des Tischgestells nach. Er geht zu Adam Wieland mit der Bitte, das fest verschweißte Gestell so auseinander zu sägen, dass er es später mit Hilfe von Steckverbindungen wieder zusammensetzen kann. Adam Wieland schlägt jedoch vor, das Gestell grundsätzlich zu überarbeiten. Daraufhin modifiziert Adam Wieland den gesamten Tisch, sodass er verschraubbar, demontierbar und transportabel wird. Gleichzeitig stellt er die ursprünglich raumdiagonal angeordneten Kreuzstreben senkrecht und reduziert das Gesamtgewicht aufgrund optimierter Rohrquerschnitte. Der E2 ist geboren. Wenige Tage danach begutachtet Egon Eiermann den neuen Entwurf und ist begeistert.“ (Mehr lesen)

Seit 1965 produziert die Metallwerkstatt Adam Wieland in Karlsruhe-Neureut den E2 – vollständig und ohne Auslagerung ins Ausland – und liefert in alle Welt. 2008 hat Sohn Peter Wieland die Leitung des Betriebs übernommen. Mit ihm haben wir über das Geheimnis des Erfolgs des E2 gesprochen – und uns verraten lassen, wie die Arbeiten um den Firmenneubau in Knielingen vorangehen.

alle Abb. (c) Adam Wieland GmbH & Co KG

INTERVIEW

Der Eiermann-Tisch ist heute in fast jedem Architekturbüro zu finden. Er steht in Besprechungsräumen, Arbeitsräumen und sogar in Teeküchen. Was ist das Geheimnis für den Erfolg dieses Tisches?

Grundsteinlegung_adamwieland-055

Momentaufnahme von der Grundsteinlegung zum Neubau

Peter Wieland: Eine Kombination ganz unterschiedlicher Gründe! Er ist zeitlos, man sieht sich an ihm auch nach 50 Jahren nicht satt – das bestätigt der Erfolg des Tisches eindrucksvoll. Er hält praktisch ewig und steht auch nach zahlreichem Auf- und Abbauen so stabil wie am ersten Tag. Das mag zwar aus Herstellersicht unvernünftig sein, aber sowohl die Umwelt als auch unsere Kunden erfreuen sich an einem nachhaltigen Produkt. Dass Leute, die vor 50 Jahren als Studierende ihre ersten Tische bei uns gekauft haben, heute als Omas oder Opas wiederkommen, um Kindertische für ihre Enkel zu kaufen, zeigt deren Wertschätzung. Letztes Jahr war übrigens Andreas Eiermann, Egons Sohn bei uns, auch er brauchte noch ein Weihnachtsgeschenk für sein Enkelkind.

Das zur emotionalen Seite. Aber natürlich ist der Tisch auch extrem flexibel und sehr funktional, einfach praktisch. Die Liste der Anwendungen läßt sich beliebig fortsetzen, das E2-Gestell steht auch unter Verkaufstheken, Ausstellungsvitrinen, auf Messeständen, Wickelkommoden und sogar Aquarien. Dass er bei all diesen Vorteilen auch noch zu einem recht günstigen Preis zu haben ist und trotzdem – zumindest der aus unserem Hause – “Handmade in Germany” ist, spielt sicher auch eine Rolle.

Der Tisch, entworfen von Egon Eiermann in den 50ern, wurde 1965 von Ihrem Vater perfektioniert. Was unterscheidet das Ursprungsgestell von 1953 von dem Gestell, das wir heute alle kennen?

Eiermanntisch_Zeichnung_OriginalPW: Adam hat an dem Ursprungsgestell zwei Änderungen vorgenommen, die mitentscheidend für dessen anschließende Verbreitung und damit den Erfolg waren. Die eine war die Zerlegbarkeit. Bis dato war der Eiermann-Tisch ein Möbelstück, zwar leicht, aber sehr sperrig. Als Klaus Brunner, einer von Eiermanns Assistenten, 1965 mit so einem festverschweißten Original mit der Bitte zu meinem Vater kam, es auseinanderzusägen, da es nicht in sein Umzugsauto – eine Ente – passte, wurde dieses Problem offensichtlich. Diesen Tisch zerlegbar zu machen scheint aus heutiger Sicht naheliegend, aber damals waren flach verpackte Möbel noch lange keine Alltagskost.

Die andere Änderung war die Senkrechtstellung der raumdiagonalen Kreuzverstrebung. Zur Raumdiagonalen wurde Eiermann durch einen Konstruktionstisch für technische Zeichner aus der Jahrhundertwende inspiriert. Diese sieht vielleicht spannend aus, hat aber die Nachteile, dass sich der Tisch praktisch nur einseitig einsetzen lässt und dass die Sitzposition durch die Lage der Raumdiagonalen definiert ist. Und selbst dann holt man sich noch gerne blaue Schienbeine. Mein Vater hat diese Problem entschärft.

Wie war es, mit Egon Eiermann zusammen zu arbeiten?

PW: Adam – damals 30 – erzählt oft von Eiermann, damals 60. Er sei eine angenehme und umgängliche Persönlichkeit gewesen, von sehr väterlicher Natur. So hatte Egon auch wenige Tage nach Adams Modifikation Adam auf dem Gang an der Uni getroffen und mit den Worten “Schlaues Kerlchen” auf die Schulter geklopft. Eiermann strebte immer danach, Dinge weiter zu verbessern, fast nie gab es die perfekte Lösung. Unter den Studierenden war er eine Ikone, bei seinen Vorlesungen drängten sie sich auf den Treppen und Fensterbänken. Und auch an der übrigen Uni war er ein Star, aber Allüren waren ihm gänzlich fremd.

Der Begriff „Eiermann-Tisch“ ist unter Architekten und Möbeldesignern bekannt. Wie sieht es mit dem Produktnamen E2 aus? Warum haben Sie sich für diesen Namen entschieden?

PW: Als mein Vater 1965 damit begann, das von ihm modifizierte Gestell zu verkaufen, hat er dem Gestell keinen eigenen Namen gegeben. Das festverschweißte Original wurde zu dieser Zeit zwar auch produziert, aber ausschließlich von den Schlosserei Max Meier und nur in unbedeutender Stückzahl. Wenn also Studenten zu meinem Vater kamen und ein “Eiermann-Gestell” wollten, wussten alle, was gemeint war. Nachdem die Produktion der festverschweißten Variante irgendwann eingeschlafen ist, gab es sowieso nur einen “Eiermann-Tisch”, die Modifikation meines Vaters. Mitte der 90er Jahre hat ein Möbelhändler aus Stuttgart sich die Bezeichnung “Eiermann” als Wortmarke schützen lassen. Daher vertreiben wir unseren Tisch unter dem Label E2, aber für viele unserer Kunden ist es nach wie vor der Eiermann-Tisch.

Gibt es noch heute neue Varianten des Eiermann-Tischs oder ist das Design bereits perfektioniert? 

PW: Wir haben in den vergangen 50 Jahren viel experimentiert, andere Befestigung der Kreuzstreben, komplett zerlegbare Gestelle, Teleskoplösungen, usw. An Ideen fehlt es nicht, wir haben auch zahlreiche Prototypen ausprobiert, aber bisher konnte keiner dem E2 das Wasser reichen. Immer gibt es irgendwo einen Haken, entweder ästhetisch oder funktional. Für den Kunden ist es aber auch ein enormer Vorteil, dass der Tisch seit 50 Jahren unverändert ist. Und wenn wir neues Zubehör entwickeln, passt dieses auch zu den alten Gestellen. Unsere aktuelle Neuerung ist ein neuer Kabelkanal aus Metall und Filz, einem uralten, natürlichen, ehrlichen und dadurch spannenden Material.

Wird der gesamte Tisch von Hand produziert? Und wie aufwändig ist die Herstellung eines Tisches?

PW: Ja, fast unglaublich in der heutigen Zeit, aber wahr. Im Wareneingang unserer Produktion werden 6 m Stahlrohre und Tafeln aus Blech bzw. Lochblech angeliefert, und am Ende der Produktionskette stehen die fertigen Tischgestelle. Dazwischen liegen etwa 15 Arbeitsschritte wie sägen, entgraten, stanzen, fräsen, verformen, schweißen und bohren. Sogar die Halbschalen, mit denen die Kreuzsteben an den Seitenteilen befestigt werden, fertigen wir komplett selbst, angefangen mit Tafeln aus 2 x 1 m Stahlblech. Einzig die Oberflächenbehandlung (verschromen, verzinken bzw. kunststoffbeschichten) geben wir außer Haus, die dazu notwendigen Anlagen wären viel zu aufwändig. Nicht im Osten zu produzieren und auch nicht mit Robotern ist übrigens eine unternehmerische Entscheidung, die wir als Familienunternehmen bewusst so getroffen haben.

In welche Länder exportieren Sie den E2?

PW: Der mit Abstand größte Absatzmarkt ist Deutschland, aber wir exportieren den E2 in die ganze Welt. Meist sind es Ausländer, die in Deutschland studieren oder eine zeitlang arbeiten, den Tisch hier kennenlernen, und, zurück in ihrer Heimat, von dort aus bei uns bestellen. Oder er sind Deutsche, hauptsächlich Architekten, die spannende Wettbewerbe im Ausland gewinnen oder ganze Niederlassungen haben, und dort unsere Tische brauchen. Aber der Tisch verbreitet sich auch zunehmend im Ausland per Schneeballsystem, so wie seinerzeit in Deutschland.

Neubau_adamwieland

Geplanter Neubau der Wieland-Werkstätten mit Showroom

Was für Pläne haben Sie für die Zukunft? Im Moment entsteht ein Neubau, der Werkstatt und Showroom unter einem Dach vereint. Wie geht es da weiter, was steht an?

Grundsteinlegung_adamwieland-046

Bei der Grundsteinlegung (v.l.n.r.): Prof. Bernhard Kogel, Peter Wieland, Adam Wieland, Andreas Eiermann

PW: Richtig. Als ich vor 8 Jahren die Tischmanufaktur von meinem Vater übernahm, platzte unser Standort in Neureut schon aus allen Nähten. Damals wurde dort noch alles produziert, gelagert und verkauft. Wir mussten erweitern und haben in der Nähe neue Lager- und Verkaufsräume angemietet. Leider ging für unsere Kunden dadurch die Einsicht in die Produktion verloren. Diese Nähe jetzt auch räumlich wiederherzustellen, ist das Hauptmotiv für unseren Neubau. Wir wollen einerseits das Konzept der gläsernen Produktion, aber auch das hervorragende Produkt endlich in dem Umfeld präsentieren können, das es verdient. Als wir dann noch die Möglichkeit bekamen, in die Egon-Eiermann-Allee zu ziehen, mussten wir nicht lange überlegen. Den Grundstein zu unserem Neubau haben Adam Wieland und Andreas Eiermann dann im Februar dieses Jahres gemeinsam gelegt.

Ab Januar 2017 haben wir endlich Platz und Kapazität, unser Sortiment durch ein Regal, einen Container und ähnliches zu komplettieren. Zudem werden wir im Obergeschoss Bürofläche vermieten. Als Mieter wäre beispielsweise ein Innenarchitekt, Objekt- oder Büroeinrichter ideal. Wir können ihn mit unserer langjährigen Erfahrung, unserem Kundenstamm und unserer Produktion bei Sonderanfertigungen dabei unterstützen, auch unseren Designklassiker gezielt zu platzieren. Wir sehen noch viele spannende Möglichkeiten und freuen uns auf die Zukunft!

Peter Wieland, herzlichen Dank für den Blick hinter die Kulissen des E2!

(Interview Simone Kraft mit Victoria Brandt / Architekturschaufenster)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s