Berufspraxis im Studium: Studenten stellen sich vor!

Heute erzählt uns Christine Bentele in unserer Interviewreihe „Berufspraxis im Studium: Studenten stellen sich vor!“ über ihre Erfahrungen bei 10:8 Architekten in Zürich. Nach dem Abitur ging Christine zunächst ein halbes Jahr auf Weltreise auf der Suche nach dem passenden Beruf. Erfüllt von zahlreichen Eindrücken und Erlebnissen zurück  zu Hause blieb die erhoffte Eingebung bezüglich Berufswahl leider aus. Zur Auswahl standen  Bühnenbildner, Produktdesign und Architektur. Schnell wurde Christine anhand von Praktika klar, dass Architektur ihre Zukunft bestimmen sollte.  Heute studiert sie bereits in ihrem zweiten Mastersemester Architektur an der Hochschule Karlsruhe Technik und Wirtschaft.



Hallo Christine! Wir freuen uns heute von Ihren Erfahrungen im Praxissemester zu hören. Aber zunächst zu Ihrer Entscheidung für das Studium der Architektur. Was hat Sie letztlich bewogen, sich für Architektur zu entscheiden?

CB:  Hallo! Danke für die Einladung! Als Kind war ich schon immer gerne kreativ tätig und habe es geliebt mit meiner kleinen Laubsäge zu basteln. Später auf dem Technischen Gymnasium hatte ich den Schwerpunkt „Gestaltungs- und Medientechnik“. Dabei ging es eher um Grafikdesign. Mir hat dabei jedoch immer etwas gefehlt. Anhand von Praktika wurde mir dann klar, dass ich besonders die Kombination von Gestaltung und Technik spannend finde. Aus dem Umfeld wird man dann schon gefragt, ob man das wirklich machen möchte, weil die Architektendichte in Deutschland so hoch ist, der Arbeitsmarkt entsprechend schwierig und das Einkommen gering. Aber ich bin da optimistisch und mir sicher, dass ich etwas finden werde. Müsste ich nochmals wählen, würde es wieder Architektur werden.

Gerade im Master finde ich besonders spannend, dass es bei unseren Entwürfen um reale Projekte geht. Im Moment nehmen wir an einem Studentenwettbewerb von der Architektenkammer Baden-Württemberg teil. Man plant den Entwurf nicht mehr wie im Bachelor auf einem großen, freien Stück Wiese, sondern muss das städtische Umfeld analysieren und eine passende Lösung finden.

Was ich mir vor meinem Studium nie ganz klar gemacht habe, ist die Tatsache, dass man als Architekt den ganzen Tag vor dem PC verbringt, mal abgesehen von der Tätigkeit als Bauleiter. Die Arbeit am PC erleichtert natürlich in vielerlei Hinsicht im Vergleich zu den Handzeichnungen, wie sie vor vielen Jahren noch üblich waren. Und dennoch wär es manchmal schön, man würde sich wieder mit Reißbrett, Tusche und Rasierklinge hinsetzen.

Immer wieder sprechen mich Freunde an und fragen, was wir Architekturstudenten eigentlich machen. Wenn sie nachts um 4 Uhr von einer Party nach Hause laufen, würde in unseren Räumlichkeiten noch Licht brennen und wenn sie an einem anderen Tag um 7 Uhr zur Arbeit gehen, würde immer noch Licht brennen. Die Projekte, die wir machen, sind um einiges zeitintensiver, als sich das ein Außenstehender vorstellt. Besonders wenn Abgaben näher rücken, stehen auch regelmäßige Nachtschichten an. Da ist Durchbeißen angesagt. Nichts desto trotz bedeutet Architektur, den Menschen und den ihn umgebenden Raum zu begreifen und zu definieren. Architektur bedeutet, unser tägliches Lebensumfeld qualitativ hochwertig zu gestalten und damit Einfluss auf unser Wohlbefinden zu haben. Es ist spannend sich mit Fragen auseinanderzusetzen wie: Wie gestaltet man eine Stadt bzw. einen Raum, der die gesellschaftspolitischen Ziele, das Wohlbefinden und Zusammenleben der Menschen in einer ihrer Kultur und ihren Vorstellungen entsprechenden Umwelt unterstützt? Abhängig von der Kultur und der Entwicklung eines Landes erfordert dies laufend neue Konzepte und Ideen von Architekten und Städteplanern. Für mich war es die richtige Wahl.

Das freut uns zu hören! Christine, erzählen Sie uns, in welchem Architekturbüro haben Sie ihr Praktikum gemacht?

CB: Ursprünglich war mein Ziel, das Praxissemester in Shanghai zu verbringen. Das Bewerbungsgespräch in einem deutsch-chinesischen Büro war geschafft und ich hatte überzeugt. Doch dann scheiterte mein Plan am Visum, weil die Chinesen kurz zuvor ihre Gesetze so strikt geändert hatten, dass es partout keine legale Möglichkeit gab, als Ausländer ein Praktikum zu absolvieren. Also brauchte ich recht kurzfristig einen Alternativplan. Im Ausland sollte es sein. Da die Schweizer Architektur hohes Ansehen genießt und häufig aufgrund ihrer Schlichtheit und Ausdrucksstärke als Vorzeigebeispiel dient, war dies mein nächstes Ziel – zugegebenermaßen haben auch die Bergpanoramen meine Entscheidung beeinflusst. So fand ich schlussendlich eine Praktikantenstelle im schönen Zürich bei 10:8 Architekten. Architektur und Berge vereint an einem Ort.

Können Sie unseren Lesern das Architekturbüro  kurz vorstellen?

CB: Das Büro „10:8 Architekten GmbH“ wurde 2001 gegründet. Das Team besteht inzwischen neben den drei Inhabern Jürg Senn, Georg Rinderknecht und Katrin Schubiger aus einer Assistentin der Geschäftsleitung, zehn Architekten und Architektinnen, einem Lehrling sowie zwei Praktikanten. Die Räumlichkeiten des Büros sind offen und hell gestaltet und sorgen so für eine gute Zusammenarbeit. Die Atmosphäre im Büro ist sehr entspannt und teamorientiert: Man duzt sich, macht jeden Morgen eine gemeinsame Kaffeepause, veranstaltet zu besonderen Anlässen Tischkickerturniere und organisiert an jedem zweiten Freitag, dem Casual Frieda, einen Ausflug, egal ob Museumsbesuch, Baustellenbesichtigung oder einfach ein gemeinsames Mittagessen.

Das Tätigkeitsfeld von 10:8 Architekten ist sehr vielfältig und umfasst vor allem auch sehr komplexe und vielschichtige Projekte. Auf der einen Seite entwerfen sie Wohnbauten, nehmen an Wettbewerben unterschiedlichster Thematiken teil, befassen sich auch mit ganz spezifischen Bauaufgaben, wie beispielsweise der Sanierung einer denkmalgeschützten Kirche in Zürich, der St.Felix+Regula, oder der Umgestaltung einer Arztpraxis. Auf der anderen Seite machen auch Projekte einen ganz bedeutenden Teil aus, welche die Schnittstelle von öffentlichem Verkehr und Raum bilden. Schon mehrfach haben 10:8 Architekten konkrete Projekte in Angriff genommen, die eng im Zusammenhang mit der Bahn stehen. Dazu gehört beispielsweise die Erarbeitung einer Tramstrecke, der „Limmattalbahn“, bei der viele städtebauliche und raumplanerische Aspekte sowie die Gestaltung des Straßenraums bearbeitet werden müssen. Dies reicht sogar bis hin zur detaillierten Ausformulierung der Haltestellen. Ein weiteres großes Projekt ist der Umbau des sechsgrößten Bahnhofs der Schweiz, der Bahnhof Oerlikon. Mit dem Umbau sind mehrere Teilprojekte verbunden. Eines davon umfasst den Ausbau der Personenunterführung, die um 8m verbreitert und mit kommerziellen Nutzungen ergänzt wird. Die Neugestaltung und Aufwertung des Bahnhofsplatzes ist ebenfalls Teil des Projekts. Auch der Bahnhof in Winterthur wird von 10:8 Architekten umgestaltet. Diese Vielzahl an Bahnprojekten resultiert aus der Kapazitätserhöhung der Bahnhöfe und bietet damit für Architekten eine interessante Sparte und Möglichkeit.

Ausbau Bahnhof Zürich-Oerlikon

Ausbau Bahnhof Zürich-Oerlikon (c) 10:8 Architekten

Ihr Plan war es eigentlich nach Shanghai zu gehen. Wie war der Weg zum Praktikum in Zürich?

CB: Nachdem mein Plan nach Shanghai zu gehen, gescheitert war, suchte ich Anfang Juni gezielt in Zürich nach einer passenden Stelle, bewarb mich aber sicherheitshalber auch parallel in Deutschland bei einigen Büros. Ich dachte, dass es aufgrund der fortgeschrittenen Zeit nicht einfach werden würde eine Stelle zu finden. Und tatsächlich ließen die Antworten auf sich warten – teilweise erhielt ich gar keine Antwort, manche kamen sehr spät (die letzte Einladung zum Bewerbungsgespräch kam im November), manche Büros hatten die Stelle schon vergeben. Aber durch eine Bekannte wurde ich dann auf ein Portal im Internet aufmerksam gemacht, in dem gezielt Züricher Architekturbüros Stellen ausschreiben. Und so hatte ich recht schnell zwei Einladungen zum Vorstellungsgespräch in Zürich. Von beiden erhielt ich eine Zusage. Die Kollegen von 10:8 Architekten hatten mich dann mit ihrer freundlichen Art, der lockeren Atmosphäre und den abwechslungsreichen Projekten mehr überzeugt. Da sie dringend einen Praktikanten suchten, fing ich gleich im August dort an.

Erzählen Sie uns von Ihren Aufgaben. Welche Erfahrungen haben sie in der Zeit mitgenommen?

CB: Meine Aufgaben bei 10:8 Architekten waren sehr vielfältig. Da ich im Studium bislang nur mit ArchiCAD gearbeitet hatte, das Büro jedoch mit Vectorworks arbeitet, bekam ich am Anfang anhand kleiner Übungen erst einmal Zeit mich etwas einzuarbeiten. Das erste richtige Projekt, an dem ich mitarbeiten durfte, war ein Wettbewerb für einen etwa 400 Wohnungen umfassenden Wohnkomplex. Mir wurden dabei Aufgaben zugeteilt wie beispielsweise die Umgebungsgebäude des Bauareals zu zeichnen, diverse Modelle für Volumen- und Dachstudien zu bauen oder auch einzelne Grundrisse zu detaillieren und den Lageplan zu bearbeiten.

Nach der Wettbewerbsabgabe folgte für mich die Mitarbeit an dem Projekt Limmattalbahn, bei dem eine Tramstrecke von 13,4km geplant wird. Dort wird von 10:8 Architekten ein Tramdepot entworfen, bei dem ich mich mit Sketchup-Modellen des Tragwerks sowie bei der Fassadengestaltung mit Fotocollagen, aber auch Plänen mit einbringen konnte. Neben dem Depot ging es allerdings auch um städtebauliche Fragen: Welche neuen Platzsituationen entstehen an den neuen Haltestellen und wie gestaltet man diese? Was bedeutet der Bau der Tram für den Verkehrsfluss? Wie erzeugt man auf der gesamten Strecke ein einheitliches Erscheinungsbild? Dabei konnte ich mich mit 3D-Modellen, aber auch Entwürfen einbringen. Nicht zuletzt war meine Aufgabe dabei auch die Recherche und Gestaltung von Fahrleitungsmasten. Welche Anforderungen haben sie? Wie könnte man sie gestalten, um auf der Strecke als einheitliches gestalterisches Element wahrgenommen zu werden? Ich hätte diese Aufgabe nie einem Architekten zugeordnet, aber man lernt nie aus.

Neben den Projektarbeiten war ich auch fürs Kaffeekochen und den Telefondienst verantwortlich. Also als Schwäbin war ich ja überzeugt, dass Schweizerdeutsch keine Barriere für mich sein würde. Doch da hatte ich mich getäuscht. Ich erinnere mich, wie ich bei einem Termin mit einem Berner Fachplaner Protokoll führen sollte. Nachdem ich nach zehn Minuten immer noch kein Wort geschrieben hatte, war meinem Kollegen, der das Gespräch führte, auch klar, dass ich wohl Verständnisschwierigkeiten hatte und er übernahm das Schreiben. Aber mit der Zeit weiß man, was es heißt, wenn man „zrücklüte“ soll, wenn man zum „Zmörgelen“ „Gipfeli“ kaufen soll, wenn einem im Grundriss erklärt wird, wo die „Chuchi“ liegt, wenn einer vom „Chüejerglüt“ bei der Wanderung am Wochenende erzählt, und man schmunzelt, wenn die Anrufer einen für das Hochdeutsch loben, weil sie einen für eine Schweizerin halten.

Ich würde sagen, das Praktikum war in jeder Hinsicht eine Bereicherung. Ich konnte in dieser Zeit in allen Bereichen, sei es Städtebau, Konstruktion, Wettbewerbsentwurf oder Technik, einen Einblick bekommen. Es hat nicht nur Spaß gemacht, sondern es hat mich auch einen großen Schritt vorangebracht, das an der Fachhochschule Gelernte an realen Projekten einbringen zu können. Der Beruf des Architekten an sich wird einem nochmals viel näher gebracht, als eine Hochschule das vermag. An den realen Projekten werden die Leistungsphasen klarer, man bekommt die Besprechungen mit den Fachplanern und die Diskussionen mit den einzelnen Gewerken mit. Ich hätte mir gewünscht, dass im Studium mehr als nur sechs Monate Praktikum vorgesehen sind.

Mehrfamilienhaus in Würenlos

Mehrfamilienhaus in Warenlos (c) 10:8 Architekten

Sie haben Ihren Bachelor bereits erfolgreich absolviert. Wie ging es für Sie danach weiter? 

CB: Inzwischen liegt das Praxissemester schon über ein Jahr zurück. Für mich stand schon während meiner Bachelorzeit fest, dass ich den Master machen möchte. Die Architektur umfasst so viele Bereiche, dass es unmöglich ist, dieses Wissen in ein dreijähriges Grundstudium zu packen. Selbst mit zwei zusätzlichen Jahren Master scheint mir die Zeit recht kurz bemessen zu sein.

Ihren Wunsch nach Shanghai zu gehen haben Sie sich während Ihres Mastersemesters erfüllt, nicht wahr?

CB: Ja, genau! Für mein erstes Mastersemester war ich in Shanghai an der Tongji University. Nebenher konnte ich in einem Architekturbüro mitarbeiten. Es war eine spannende Zeit. Ich empfinde es immer als sehr lehrreich, auch die Blickwinkel anderer Kulturen auf Architektur kennenzulernen. Daher kann ich nur jedem empfehlen: Wenn ihr die Chance habt Erfahrungen im Ausland zu sammeln, nutzt sie. China lebt, nicht nur was die Kultur und Zivilisiertheit angeht, sondern auch die Architektur, in einer ganz anderen Welt. Jedes Gebäude muss noch höher, futuristischer und luxuriöser sein. Solche Bauten sind hier in Deutschland unvorstellbar – zum Teil auch aus gutem Grund. Aber auch da findet bei den Chinesen ein Umdenken statt. Was China jedoch im Allgemeinen angeht, haben sie mit ganz anderen Problemen zu kämpfen als wir. China, das inmitten einer Umstrukturierung vom ländlichen Entwicklungsland zur industrialisierten Stadtgesellschaft steckt, muss sich raum- und stadtplanungstechnisch rasant entwickeln, um den Verstädterungsprozess bewältigen zu können. Und wenn man sich die chinesische Bevölkerung mit über 1,3 Milliarden Menschen anschaut, muss man auch gleichzeitig in ganz anderen Dimensionen denken.

Wenn wir in Zürich eine Haltestelle planen, dann geht es ganz banal gesagt um die Gestaltung eines Wartehäuschens mit Perron; plant man eine in Tianjin, ist das ein riesiger Gebäudekomplex mit integrierten kommerziellen Flächen, Büroflächen, Wohnungen, Parkhäusern und einem Busbahnhof.

Wie sehen Ihre Pläne heute aus?

CB: Zunächst einmal möchte ich  meinen Master in Karlsruhe fertig machen und danach meinen AiP anfangen. Ich kann mir gut vorstellen, solange ich jung bin, noch mehr Erfahrung im Ausland zu sammeln, weil ich es bislang nur als Bereicherung empfunden habe. Früher oder später strebe ich jedoch an in einem Büro in Deutschland zu arbeiten

Sie haben reichlich Erfahrungen in der letzten Zeit gesammelt. Was empfehlen Sie Ihren KomilitonInnen zum Thema Praxissemester?

CB: Also prinzipiell würde ich empfehlen frühzeitig nach Büros zu suchen, die euch von ihren Projekten her reizen. Verschickt lieber zu viele Bewerbungen als zu wenig. Wenn das Portfolio einmal gemacht ist, kann man das Schreiben mit geringem Aufwand anpassen.

Nehmt keine Stellen an, bei denen ihr kaum etwas verdient – es sei denn, es ist euer Traumbüro. Ich denke, das Problem heutzutage ist auch, dass sich Architekten aufgrund der hohen Dichte oft unter Wert anbieten. Das darf eigentlich nicht sein. Und falls ihr nur Kaffee kochen und Modelle bauen müsst, wehrt euch.

Freut euch auf die Zeit im Büro! Ihr werdet viel lernen und es ist einfach eine tolle Abwechslung zum Studium.

Christine herzlichen Dank für diese spannende Unterhaltung! Wir wünschen Ihnen alles Gute für Ihre berufliche Zukunft!

(Interview Victoria Brandt / Architekturschaufenster)

Wir freuen uns auf den nächsten Beitrag von Jonas Müller in „Berufspraxis im Studium: Studenten stellen sich vor!“.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s