Neptutherm® – Ein Geschenk der Natur

Täglich werden kleine Kugeln aus Pflanzenresten eines Seegrases an die Strände rund um das Mittelmeer gespült. Sie bilden den Rohstoff für eine fantastische, innovative und besonders ökologische Wärmedämmung: NeptuTherm®. Diese brennt und schimmelt von Natur aus nicht – das ohne jegliche Zusätze.
Prof. Richard Meier, der Erfinder dieser natürlichen Dämmung aus dem Meer, gibt einen Einblick in die Entstehungsgeschichte und erklärt die Besonderheiten der so genannten „Neptunbälle“.

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Prof. Richard Meier

INTERVIEW mit Herrn Prof. Richard Meier

Hallo Herr Prof. Meier, vielen Dank dass Sie sich die Zeit genommen haben, um unsere Fragen zu beantworten. Die Leser des Architekturschaufenster-Blogs sind schon sehr gespannt, was Sie uns zu berichten haben!

RM: Ja sehr gerne! Ist mir ein Vergnügen!

 Zunächst erst einmal etwas zu Ihrer Person. Sie sind Architekt und waren unter anderem lange als Professor für Architektur und Denkmalpflege an der SRH Hochschule Heidelberg tätig. Bekannt sind Sie heute jedoch als Erfinder des Dämmstoffes „NeptuTherm®“ einer 100% naturreinen Dämmung aus dem Meer! Können Sie unseren Lesern kurz erklären, um was es bei NeptuTherm® eigentlich genau handelt?

RM: Also, den Rohstoff kennt eigentlich fast jeder, zumindest, wenn er einmal am Mittelmeer Urlaub gemacht hat. Unser Dämmstoff wird aus den 2 bis 10 cm großen Faserbällchen, die man dort überall an den Stränden findet, hergestellt. Diese bestehen aus den nicht verrottbaren Überresten des Seegrases Posidonia oceanica. Bisher hat sich niemand für diese filzigen Kugeln interessiert, die zusammen mit Seegrasblättern viele Strände „verschmutzen“.

Die „Mutterpflanze“ Posidonia oceanica wächst rund ums Mittelmeer in Tiefen von ca. 3 bis 35 Metern. Im Frühjahr ist diese knackig und hellgrün, im Herbst dagegen wird sie braun, die verwelkten Blätter reißen ab, geraten in den Waschgang der Wellen und die organischen Bestandteile werden von verschiedenen Lebewesen „verspeist“. Übrig bleiben sehr kräftige, silikathaltige Fasern, die sich dann durch die Wellenbewegungen zu Bällchen rollen – woraus wir wiederum dann den Dämmstoff herstellen.

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Neptunbälle am Strand © Richard Meier

Das hört sich äußerst spannend an! Sagen Sie uns, was ist das Besondere an diesem Seegras?

 RM: Das Tolle an der Pflanze Posidonia oceanica ist, dass sie mehrere wichtige Funktionen erfüllt: Zum Einen schützt sie die Strände mit ihren dicken Wurzelmatten vor Erosion. Zum Anderen ist sie wie ein „Kindergarten“ für eine Unmenge neuen Lebens und produziert sogar fünfmal so viel Sauerstoff wie die gleiche Fläche Regenwald. Und ganz nebenbei schenkt sie uns im Grunde als Abfallprodukt diese tollen Faserbälle! Durch die Weltverschmutzung ist sie jedoch besonders gefährdet und ihr Schutz ist daher extrem wichtig.

Bevor wir anschließend näher auf den Dämmstoff eingehen, erzählen Sie uns doch bitte etwas über die Entstehungsgeschichte von NeptuTherm® als neuem Dämmstoff. Wie sind Sie darauf gekommen aus diesen Bällchen aus dem Meer einen Dämmstoff herzustellen?

RM: Da muss ich ein paar Jahre zurückgehen. Als wir – meine Frau, ein Freund und ich – im April 2006 in Denia am Strand saßen und ich vergeblich auf Wind zum Kitesurfen wartete, bewarfen wir uns mit Bällen, die das Meer in der Nacht in großen Mengen an den Strand gespült hatte. Meine Frau fing dann an, einen aufzudröseln und meinte wörtlich zu mir: „He, Professor, wären die Fasern nicht ein toller Dämmstoff?“

Der Kommentar unseres Freundes: „Die Knödel taugen doch für gar nichts, nicht mal zum Anzünden des Kamins kann man sie verwenden, die brennen nicht!“, machte mich sofort hellhörig. Tatsächlich, der Test mit dem Feuerzeug zeigte, dass die Fasern so gut wie nicht brannten, sondern nur kurz glimmten und, wenn man die Flamme wegnahm, sofort wieder ausgingen. So etwas hatte ich noch nie gesehen und es ist – wie wir heute wissen – einzigartig.

Zuhause in Deutschland ließ ich zwei Tests beim Fraunhofer IBP in Stuttgart machen, die Wärmedämmungswirkung war tatsächlich sehr gut und der Salzgehalt extrem gering. Dann ging es relativ schnell weiter. Nach der Patentanmeldung Januar 2007, der Eintragung des Namens „NeptuTherm®“ und dem Gewinn des IKEA-Innovationspreises im April, gründeten wir die NeptuTherm e.K. als Forschungs- und Entwicklungsfirma. Erst 2010 konnten wir allerdings mit der NeptuGmbH die operative Firma für Rohstoffbeschaffung, Herstellung und Vertrieb von NeptuTherm® gründen. Dazwischen lagen ein sehr aufwendiger und teurer Entwicklungs- und Zulassungsprozess, der Aufbau der Produktionsanlage und der Beginn von Marketing und Vertrieb.

Ende 2011 konnten wir dann endlich die ersten Säcke der bauaufsichtlich zugelassenen Dämmwolle verkaufen. Und seither wurden schon viele Objekte damit ausgestattet.

Mit Sicherheit eine spannende und aufregende Zeit! Sagen Sie uns, was genau macht denn NeptuTherm® als Dämmstoff so überaus einzigartig?

RM: Einzigartig ist zum Beispiel, dass die Natur die Faser mit solch’ positiven Eigenschaften ausgestattet hat, dass wir weder für Brand- noch für Schimmelschutz Chemie zugeben müssen. Denn diese schadet uns und unserer Umwelt erheblich! Schäume, Holzfaser, Zellulose oder Hanf dagegen werden aufwendig behandelt, um Schimmel zu vermeiden. Das Zertifikat des eco-Instituts in Köln bestätigt, dass die Wolle absolut frei von gesundheitlich bedenklichen Emissionen und Inhaltsstoffen ist. Besonders ist zudem die extrem hohe Dampfdurchlässigkeit bei gleichzeitiger hoher Feuchteaufnahme und -abgabe, die für ein angenehmes Klima und eine extrem geringe Schadensgefahr sorgt. NeptuTherm® kann natürlich auch mal sehr feucht werden – was zum Beispiel in denkmalgeschützten Häusern auf der obersten Geschossdecke passieren kann. Aber dann trocknet es einfach wieder aus, ohne dabei Schaden zu nehmen. Außerdem hat es da noch eine extrem hohe thermische Speicherfähigkeit – für den sommerlichen Wärmeschutz – und einen hervorragenden Schallschutz. Zudem kann NeptuTherm® immer wieder verwendet werden, da die Fasern extrem robust sind. Es gibt keinen Verschnitt und damit auch keinen Abfall. Sollte NeptuTherm® wirklich irgendwann mal nicht mehr „gebraucht“ werden, kommt es einfach als Substrat ins Gewächshaus oder unter die Gartenerde. Dafür haben wir übrigens auch ein europäisches Patent.

Wie Sie sehen – wirklich viele Besonderheiten, alle aus einem 100% natürlichen Dämmstoff.

Das sind wirklich eine Menge besondere Eigenschaften! Lassen Sie uns kurz ins Detail gehen: Welche Werte erreicht die Seegrasdämmung für die Wärmeleitfähigkeit?

RM: Die Seegrasfaser ist ein Naturstoff und beinhaltet keine Turbochemie. Wir können daher nur geringfügig an Stellschrauben drehen, z. B. Sieben, Modifikation der Faserlänge. Ich möchte aber nicht, dass wir unser tolles naturreines Produkt mit Chemie „aufblasen“. Da nehme ich lieber schlechtere Werte in Kauf – zumal sie sich ja ganz einfach kompensieren lassen.

Aber ganz konkret: Für einen U-Wert von z.B. 0,24 W/m2K (wie es z.B. die EnEV für die oberste Geschossdecke vorschreibt) brauchen Sie heute 180mm NeptuTherm®. Wenn Sie stattdessen EPS (z.B. Styropor WLG040) nehmen, sind es 160 mm. Mit NeptuTherm® braucht man also gerade mal 20 mm mehr. Das ist doch kaum die Rede wert!

Sie haben uns bereits von der Besonderheit der Bällchen aus dem Meer in Bezug auf die Entflammbarkeit erzählt. Welche Werte erreicht die Seegrasdämmung hier?

RM: Der schlechten Brennbarkeit verdanken wir, dass es NeptuTherm® überhaupt gibt! Dass NeptuTherm jedoch „nur“ die Baustoffklasse B2 = normal entflammbar hat, zeigt wieder einmal mehr den Unterschied zwischen Theorie und Praxis. In der „Theorie“, also im Brandtest nach den Normen, die passend für die chemische Konkurrenz sind, „brennt“ es, in der Praxis aber nicht. Ich stelle jedem gerne ein Muster zum persönlichen Flammtest zur Verfügung. Wie EPS brennt, obwohl es angeblich B1 = „schwer entflammbar“ ausgezeichnet ist, ist ja inzwischen bestens bekannt. Es brennt sogar trotz der höchst umweltschädlichen, persistenten Flammhemmer wie HBCD, die wir nie wieder los werden. Mineralfaserprodukte sind zwar wirklich nicht brennbar (Baustoffklasse A1), können aber keine Feuchtigkeit aufnehmen und sind im Entsorgungsfall Sondermüll.

Wir sind erstaunt über die vielen positiven Eigenschaften des Produkts! Aber es gibt natürlich nicht nur Vorteile. Ein Nachteil sollen die im Vergleich zu anderen Dämmstoffen die hohen Beschaffungs- und Herstellungskosten sein, welche natürlich zu einem höheren Endpreis führen. Was sind die Gründe dafür?

RM: Der höhere Preis kommt zum Einen von den nicht unerheblichen Transportkosten, möglichst auf ökologischen Weg- per Bahn, per Schiff und nur wo es anders nicht anders geht mit dem LKW. Zum Anderen sehen wir die Rohstoffbeschaffung als soziales Projekt. Wir versuchen, so viel Arbeit wie möglich für die Ärmsten der Armen in den Schwellenländern wie Tunesien und Albanien zu schaffen. Alleine für das Sammeln einer LKW-Ladung arbeiten ca. 30 Frauen 7 Tage lang, zu Zeiten, wo sie sonst keine Arbeit hätten. Langfristig wollen wir auch die Produktion dorthin verlagern, damit wir noch mehr tun als jetzt. Es kann mit ca. 25 bis 35 Euro pro Quadratmeter gerechnet werden. Andere Dämmstoffe wie beispielsweise Styropor sind da weitaus günstiger, haben jedoch nicht die ökologischen Vorteile von NeptuTherm®. Das muss man sich natürlich bewusst machen! Dafür benötigt NeptuTherm® beispielsweise bis zu 50 mal weniger Primärenergie im gesamten Beschaffungs-und Herstellungsprozess im Vergleich zu Holzfasern.

 NeptuTherm® besteht aus natürlich nachwachsenden Rohstoffen. Kann man von einer Endlichkeit des Vorkommens sprechen?

RM: Die Endlichkeit der Rohstoffvorräte kann natürlich als „problematisch“ gesehen werden. NeptuTherm wird immer nur eine begrenzte Anzahl an Kunden beglücken können. Aber irgendwo liegt dann schon wieder die nächste „Ladung“ am Strand. Dazwischen müssen wir einfach ausreichende Mengen auf Lager liegen haben. Aber das ist ja auch bei anderen Produkten so, die nicht gewerbsmäßig angebaut werden (können). Für mich ist es dennoch ein sehr vielversprechendes Geschäftsmodell.

Lassen Sie uns einen Blick in die alltägliche Praxis werfen. NeptuTherm® ist eine Schütt-, Stopf- und Einblasdämmun, sie wird entweder lose aufgeschüttet, in Hohlräume gestopft oder per Maschine eingeblasen. Was ist hier der Vorteil gegenüber herkömmlichen Dämmplatten oder -matten?

RM: Der größte Vorteil ist, dass wir den energieaufwendigen, meistens thermischen Herstellungsprozess einer Matte oder Platte einsparen. Alle Wettbewerbsprodukte – auch aus anderen nachwachsenden Rohstoffen – haben eine deutlich schlechtere Primärenergiebilanz als NeptuTherm®. Für die Wolle brauchen wir auch keine Bindemittel. Fast alle im Markt befindlichen Matten oder Platten sind mit teilweise fragwürdigen synthetischen Bindemitteln meistens unter Druck und Hitze verklebt – sei es mit Polyester oder Polyurethan, nur wenige mit Stärke oder ähnlichem. Dazu kommen überall Brand- und Schimmelhemmer. Bei uns kommt gar nichts rein, sondern nur raus: Um die Einblaseigenschaften zu optimieren, haben wir solang Sand und Feinteile ausgesiebt, bis wir zur heute zugelassenen Qualität kamen. NeptuTherm® lässt sich für den Fachmann einfach verarbeiten: In die Fassadenhohlräume, in die Gefache der Sparrenkonstruktion und in Deckenhohlräume wird es eingeblasen. Teilweise wird es auch einfach eingestopft, z.B. im Bestand, wenn man das Dach von außen saniert. Dort kann man beim Neueindecken NeptuTherm schnell Zug um Zug mit der Verlegung des Unterdachs einbringen. Ruckzuck ist das Dach wieder regendicht. Auch der Selbstbauer profitiert von der extrem leichten Handhabung. Durch die Mithilfe beim Einbringen oder durch komplette Eigenleistung lässt sich zudem viel Geld sparen.

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Innendämmung © Richard Meier

Nun hat das Jahr gerade erst begonnen. Wie sehen die Pläne von NeptuTherm® für 2016 aus? Werden Sie die Produktpalette erweitern?

RM: Zum Jahreswechsel gab es schon viel Neues bei NeptuTherm® : Jetzt kann man NeptuTherm®  in kleineren Mengen aber auch schöne NeptunBälle, Materialmuster und Infoboxen direkt über den Shop bestellen. Neu ist unser ökologisches pfotenfreundliches Streumittel für den Winter: NeptuGrip. Diese Mischung aus Fasern und Sand fällt bei unserer Produktion an, bremst sensationell auf Schnee und Eis und belastet die Umwelt nicht. Unser wichtigstes Ziel für 2016 ist die Steigerung des Umsatzes, um die hohen Patent-, Zertifikats- und Zulassungskosten zu kompensieren. Aber ich denke, mit sieben weiteren Projekten für die Stadt Karlsruhe und vielen anderen Bauvorhaben sind wir auf einem guten Weg.

Herr Prof. Meier wir haben nun einiges Spannendes gelernt und Neues erfahren. Wir freuen uns in Zukunft weiterhin von Ihnen und NeptuTherm® zu hören. Wir danken Ihnen für Ihre Zeit, die sich genommen haben, um unsere Fragen zu beantworten. Bis dahin wünschen wir Ihnen alles Gute!

(Interview Victoria Brandt | Architekturschaufenster)

Mehr Infos rund um  Produkte und Herstellung unter neptugmbh.de.

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