Stadtportrait Karlsruhe | Ein INTERVIEW mit Stefan Dinter

Im Juni 2015 war im Rahmen des Stadtgeburtstags KA300 die Ausstellung „Stadtporträt Karlsruhe. Ein Fotoprojekt von Stefan Dinter zum 300. Stadtgeburtstag Karlsruhes“ im Architekturschaufenster zu Gast. Zu sehen waren Fotografien zu sehen, die Stefan Dinter mit Karlsruher Bürgerinnen und Bürgern aufgenommen hat.

Stadtportrait_titel_VB1„Welche 3 Orte in deiner Nachbarschaft machen deine Wohngegend für dich lebenswert?“, diese Frage wurde verschiedenen Karlsruherinnen und Karlsruhern gestellt. Ihre ausgewählten Orte wurden ebenso portraitiert wie die Personen selbst. In der Kombination entsteht auf diese Weise ein doppeltes „Stadtportrait“: das seiner Bewohner ebenso wie das seiner als positiv wahrgenommenen Orte. In der Ausstellung fügen sich die Fotografien wie Puzzlestücke zu einem etwas anderen Portrait Karlsruhes zusammen.

Der Bildband des „Stadtportrait Karlsruhe“ ist nach wie vor im Handel erhältlich:
Karlsruhe. Eine Stadt erleben. Fotografien Stefan Dinter
172 Seiten, Hardcover, Lindemanns Bibliothek Band 234,
ISBN 978-3-88190-820-7, 19,95€

Die Ausstellung zum „Stadtportait“ war ein besonderer Publikumsmagnet im Architekturschaufenster. Jetzt, nachdem der Trubel des Festivalsommers wieder abgeklungen ist, haben wird das Projekt noch einsmal Revue passieren lassen und mit Stefan Dinter über sein „Stadtportrait Karlsruhe“ gesprochen.

Abb. (c) Stefan Dinter

INTERVIEW

Dein Fotoprojekt „Stadtportrait Karlsruhe“ war im Juni im Rahmen des Stadtgeburtstages im Architekturschaufenster zu Gast. Wie kam es zu diesem Projekt?

imageStefan Dinter Vor einiger Zeit erzählte mir meine Mitbewohnerin, ein Kollege von ihr hätte eine neue Wohnung gefunden, von der er ganz begeistert sei. Denn in der Nähe seien ein Aldi, eine Tankstelle und ein Solarium. „Aha“, dachte ich, „wer sucht sich eine Wohnung nach einem Aldi, einer Tankstelle und einem Solarium aus? Nicht gerade die typischen Qualitätsmerkmale.“ (An der Stelle sei erwähnt, dass in der Wohnlage, auf die hier Bezug genommen wird, tatsächlich nicht viele „allgemein attraktive“ Sachen zu finden sind.)

Das Beispiel zeigt gut, dass der Wille und die Bereitschaft, einen Ort im positiven Sinne für sich nutzen zu wollen, ein wichtiger Faktor ist, ob einem die Wohnlage gefällt oder nicht. Es bleibt natürlich unbestritten, dass es eine interessante Umgebung leichter macht, die Wohnlage als gut einzuschätzen, aber das reicht eben nicht. Es braucht noch den guten Willen, die Umgebung zu schätzen. Und dieser ist sehr individuell!

So entstand die Idee, ein Bild von Karlsruhe aufzuspüren, welches nicht versucht, die Stadt objektiv und allgemein zu zeigen, sondern von verschiedenen, ganz persönlichen Blickwinkeln aus. Die Stadt wird eben auch individuell unterschiedlich erlebt. Durch das Einzeichnen in den Stadtplan wurden die individuellen Eindrücke wieder in den Rahmen der jeweiligen Stadtteile zurückgeholt. So ist ein individuelles, aber dennoch rundes Konzept entstanden. Als dann auch noch der Stadtgeburtstag in Sicht war, kamen Idee und Zeitpunkt gut zusammen und gaben mir den Startschuss zum Projekt „Stadtportrait Karlsruhe“.

Wie hast du die Leute gefunden, die mit dir am Stadtportrait gearbeitet haben? Und wie lange hat die Arbeit gedauert?

image-1SD Ich brauchte also Leute, die mitmachen, die bereit sind, mir ihre Orte in Nachbarschaft zu zeigen, die sie gut finden. Ich habe etwas Werbung im Internet gemacht, vor allem in Xing und Facebook, so haben auch paar den Weg zu mir gefunden. Am besten funktionierte aber die direkte Ansprache, zum Beispiel habe ich in verschiedenen Stadtteilvereinen die Idee vorgestellt, so konnte ich einige Leute gewinnen. Außerdem bin ich über die Seiten von Ka-News „Köpfe im Profil“ auf viele Karlsruher aufmerksam geworden, die ich ebenfalls für das Projekt gewinnen konnte.

Nachdem ich 63 Personen und ihre Orte fotografiert habe, hatte ich auf einmal den Eindruck „es reicht“ – und die Arbeit war fertig. Das hat aber auch lange gedauert, ich habe mich mit den meisten TeilnehmerInnen zweimal getroffen. Einmal um die Orte zu besichtigen, mir die Geschichten dazu erzählen zu lassen und um das Portrait-Foto zu machen, und ein zweites Mal, um gemeinsam die Bilder auszusuchen. Das sind ja schon über 120 Termine plus die Zeit, um die Orte zu fotografieren. Im Ganzen, mit der Erstellung des Bildbandes und der Ausstellung, hat das Projekt dann etwa drei Jahre gedauert.

Gibt es’s 1, 2 Anekdoten zu den Fotoshootings? Was besonderes passiert? Was Besonderes entdeckt? Besondere Begegnungen?

SD Dabei muss ich sagen, das die ersten Begegnungen mit den gemeinsamen Touren, um die Orte aufzusuchen, am meisten Spaß gemacht haben. In dem Zusammenhang habe ich teilweise so viele Geschichten zur Stadt Karlsruhe oder von den Menschen zu hören bekommen, das hatte mich schon sehr beeindruckt und hat mir persönlich auch die Stadt noch einmal viel näher gebracht.

Nachdem die Wahl der Orte getroffen war und ich die Geschichten dazu kannte, habe ich auch verraten, was andere ausgesucht haben und wieso. Das hat die Gespräche noch einmal sehr belebt. Ebenso hat es mir ganz zum Schluss viel Freude gemacht, gemeinsam mit den einzelnen Teilnehmern den Bildband durchzublättern. Ich bilde mir ein, dass man teilweise spüren konnte, wie einzelne Bilder oder Kommentare Eindrücke hinterlassen oder zum Nachdenken anregen, ganz einfach und umspektakulär. Das fand ich sehr schön, da merke ich dann, dass ich Herzen eben auch Sozialwissenschaftler bin.

Ernüchterung gab es allerdings auch, zum Beispiel bei der Bildauswahl.

image-2Ich hatte grundsätzlich schon von einem Wahrnehmungsphänomen gehört – dass es mich aber so einholen würde, hätte ich nicht gedacht …

Stelle dir das Karlsruher Schloss vor … Na, wie sieht es aus? –  Ohne es zu wissen gehe ich davon aus, dass du dir das Schloss von vorne, aus einer gewissen Entfernung vorstellst, so dass man das Gebäude in gleichmäßiger Weise vor sich stehen sieht. Die sogenannte Zentralperspektive ist die Perspektive, die vom Gedächtnis bevorzugt wird. Die wenigsten werden sich das Schloss als Erstes vom Schlossturm aus vorstellen oder von einem Flügel aus die Fassade entlang blicken oder direkt im Eingangsportal stehen.

Es ging mir nicht selten so, dass sich die Teilnehmer am Fotoprojekt Bilder ausgesucht haben, die der Zentralperspektive am ähnlichsten waren (also das klassische Postkartenbild). Manche habe es auch konkret so auf den Punkt bringen können „das andere Bild ist eigentlich interessanter, aber ich habe es mir so vorgestellt“. Da es mir wichtig war, die Orte so zu zeigen wie es der Idee der Leute am nächsten kommt, sind manchmal die interessanteren Bilder draußen geblieben. Irgendwie schade, aber so ist es, wenn man Menschen nach ihrer Meinung fragt und sie dann auch noch ernst nehmen will.

Die Ausstellung im Architekturschaufenster kam sehr gut an. Was für Feedback gab es für dich als Fotografen und was ist dein eigenes Fazit?

SD Die Ausstellung hat mir viel Spaß gemacht. Von der steigenden Spannung, wie die Ausstellung entsteht, bis dann alles fertig gehängt ist. Aber natürlich auch die Begegnung mit den verschiedenen Besuchern und wie sie sich die Ausstellung ansehen. Es gab die unterschiedlichsten Zugängen zum Thema. Manche Leute haben sich nach einer schnellen Sichtung der Bilder auf den Stadtplan gestellt und die Orte gesucht, an denen sie selbst schon einmal gewohnt oder gearbeitet haben, und haben sich intensiv mit dem Stadtplan beschäftigt. Andere haben die Fotos danach ausgesucht, wo sich etwas verändert hat, gegenüber der Erinnerung, die sie davon haben. Wieder andere sind gleich eingestiegen und haben sich selbst gefragt, ob sie diese Orte oder andere ausgesucht hätten.

Sehr oft wurde auch gesagt, dass die Aufnahmen als sehr persönliche Bilder wahrgenommen würden, in denen viele Emotionen stecken. In diese Richtung gingen auch viele Einträge im Gästebuch. Das hat mich sehr gefreut und ich würde sagen, dass der Anstoß, sich mit der eigenen Stadt zu beschäftigen, gut gelungen ist. Mein Eindruck war, dass die Ausstellung vor allem Karlsruher sehr angesprochen und viele Erinnerungen hervorgeholt hat. Ich selber habe nicht nur durch das Fotografieren viel von Karlsruhe erfahren, sondern auch durch die Ausstellung, das hat mich sehr gefreut.

Seit wann fotografierst du und warum? Welche besonderen Möglichkeiten bietet die Fotografie?

SD Als Kind habe ich in der Wohnzimmerkommode einen alten Fotoapparat meiner Mutter gefunden. Die Kamera war von Agfa, noch mit Rollfilm, extrem einfach, ohne Belichtungsmesser, ohne alles. Es musste das Wetter stimmen, meine Mutter sagte „Sonne lacht, Blende 8“ – fertig. Das war meine erste Einführung in die Fotografie. So habe ich im Garten herumgeknipst. Mit dem Geld von der Kommunion habe ich mir dann meine erste Kamera gekauft, eine Praktika bc1 electronik. Ab da galt Fotografieren als mein Hobby.

Ich finde, ein Foto ist wie ein Zitat aus einem Text oder einer Rede, es bringt eine Situation oder eine Szene auf den Punkt. Wenn das gelingt, ist das Foto gut. Ähnlich wie bei einem dicken Buch besteht die Schwierigkeit darin, das gute Bild oder das Zitat in dem ganzen Drumherum überhaupt zu finden, weniger, es zu fotografieren. Fotos können eine Einschätzung oder ein Gefühl für einen Ort vermitteln oder auch Emotionen anstoßen, man würde viel Text brauchen, um das Gleiche zu leisten. Das ist nach wie vor eine Stärke von guten Fotografien, die es trotz Bilderfluten noch gibt. Es braucht aber viel Aufmerksamkeit.

Stefan Dinter, herzlichen Dank für den Blick hinter die  Kulissen des „Stadtportraits“!

(Interview Simone Kraft / Architekturschaufenster)

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